Ist Print oder Digital nachhaltiger? Print ist umweltschädlich, Digital ist nachhaltig. So vereinfacht liest sich die gängige Annahme in vielen Redaktions- und Marketingabteilungen. Doch die Realität ist komplexer. Nachhaltigkeit entsteht nicht automatisch durch das Weglassen von Material oder die Verlagerung in die Cloud. Sie entsteht durch bewusste Entscheidungen entlang des gesamten Lebenszyklus eines Mediums, von der Rohstoffgewinnung über die Nutzung bis zur Entsorgung.
Warum die erste Intuition oft trügt
Digitale Medien wirken auf den ersten Blick klimafreundlich: keine Tinte, kein Papier, kein logistischer Aufwand. Doch diese Betrachtung berücksichtigt meist nur einen Teil der ökologischen Realität.
Digitale Inhalte verursachen bei jeder Nutzung Strom- und Rechenleistungsbedarf, in Rechenzentren, Netzwerken und Endgeräten. Wie groß der Anteil digitaler Technologien an den globalen Treibhausgasemissionen ist, hängt stark von der Berechnungsmethode ab. Die Schätzungen reichen von rund 2 bis über 4 Prozent. Eine 2026 im Fachjournal Communications Sustainability veröffentlichte Studie kommt unter Einbeziehung der Lieferketten auf 4,1 Prozent für das Jahr 2021.¹ Das liegt in derselben Größenordnung wie der Flugverkehr, und der Anteil wächst weiter.
Auch das Speichern, Laden und Anzeigen einer Datei verbraucht Energie. Jede einzelne Ansicht, jeder Klick und jede Übertragung hat eine Energie- und CO₂-Bilanz, die man nicht ignorieren sollte.
Die „versteckten“ Emissionen von Digital
Bis ein digitales Medium bei den Nutzer:innen sichtbar wird, hat es bereits mehrere Stationen durchlaufen: Herstellung von Endgeräten (Laptop, Smartphone, Tablet), Produktion und Betrieb von Rechenzentren, Netzwerk-Infrastruktur, Speicher, Content-Delivery-Netzwerke, Datenschutz- und Tracking-Technologien. All diese Faktoren tragen zum sogenannten „Media Carbon Footprint“ bei.
Gerade bei häufig aufgerufenen Online-Dokumenten oder Werbung summieren sich die Emissionen schnell, weil jede einzelne Ansicht Energie verbraucht. Wie deutlich das ins Gewicht fallen kann, zeigt die Studie des Öko-Instituts weiter unten.
Warum Print nicht automatisch schlechter ist und oft sogar besser abschneidet
Printmedien stehen unter dem pauschalen Vorurteil, „Klimasünder Nummer eins“ zu sein. Betrachtet man aber die gesamte Lebenszyklusanalyse (Life Cycle Assessment), zeigen sich differenzierte Ergebnisse:
- Eine Ökobilanz des Öko-Instituts Freiburg, beauftragt von Druck- und Papierverbänden aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden, kommt zu einem klaren Ergebnis: Bezogen auf eine Million Impressionen verursacht ein gedruckter Werbeprospekt rund 642 kg CO₂, ein Online-Prospekt im PDF-Format rund 3.360 kg, also etwa fünfmal so viel. Die Studie geht dabei von einer 40 MB großen PDF-Datei aus.²
- Bei Zeitungsanzeigen fällt der Unterschied kleiner aus: rund 67 kg CO₂e für die gedruckte Anzeige gegenüber 102 kg für ein Online-Banner. Auch hier hat Print eine bessere CO₂-Bilanz.²
- Printmedien verursachen den größten Teil ihrer Umweltbelastung bei der Herstellung. Danach können sie mehrfach genutzt, weitergegeben oder archiviert werden, ohne zusätzlichen Energieverbrauch durch Nutzung oder Streaming.
Entscheidend sind der Kontext und die Nutzungsintensität. Ein gedruckter Bericht, der von vielen gelesen wird, kann insgesamt effizienter sein als dasselbe Dokument, das hundertfach heruntergeladen und wiederholt angezeigt wird.
Die Rolle der Rohstoffe und Endgeräte
Natürlich verbrauchen Papier, Druckfarben und Logistik Ressourcen und verursachen Emissionen. Die Papier- und Druckindustrie hat jedoch deutliche Fortschritte gemacht. Die österreichische Papierindustrie etwa bezieht laut Branchenverband Austropapier rund 69 Prozent ihrer Produktionsenergie aus erneuerbaren Quellen und hat ihre fossilen CO₂-Emissionen zwischen 2000 und 2021 um ein Viertel gesenkt.³
Digitale Endgeräte wiederum enthalten seltene Metalle, Kunststoffe und Batterien, deren Förderung, Verarbeitung und Entsorgung erhebliche Umweltwirkungen haben. Bei digitalen Technologien verursacht die Hardware sogar den größten Teil der Emissionen.¹ Die Lebensdauer eines Geräts ist daher ein zentraler Faktor für seine Bilanz. Je länger es genutzt wird, desto mehr verteilt sich die Anfangsbelastung über viele Nutzungsjahre.
Fazit: Keine pauschale Antwort, sondern eine informierte Entscheidung
Die Gleichung „Print schadet, Digital schont die Umwelt“ hält nicht, sobald man den Lebenszyklus vollständig betrachtet. Sie ist zu simpel und vernachlässigt zentrale Faktoren wie:
- Nutzungshäufigkeit
- Reichweite
- Technologie und Lebensdauer von Endgeräten
- Energiequellen im Betrieb
- Produktion, Transport und Entsorgung
Ein nachhaltiges Medienkonzept entsteht nicht durch „nur noch digital“ oder „nur noch Print“, sondern durch eine informierte, datenbasierte Auswahl der richtigen Formate für den jeweiligen Zweck, immer mit Blick auf Wirkung, Zielgruppe und Umweltauswirkungen.
Kurz gesagt: Weder Print noch Digital ist per se „grün“. Die Frage ist, wie wir beide verantwortungsvoll und im Bewusstsein ihrer Umweltwirkungen einsetzen.
P.S. Wie das mit KI wird, das steht ohnehin auf einem anderen Blatt.
Quellen
¹ Between 2010 and 2021, global emissions from digital technologies were largely obscured in greenhouse gas emission accounting standards. Communications Sustainability, 2026. nature.com/articles/s44458-025-00022-6
² Öko-Institut Freiburg: Treibhausgaspotenzial von Print- und Onlinewerbung, 2025. Zusammenfassung beim Verband Druck Medien Österreich: druckmedien.at/studie-print-online
³ Austropapier: Reduktion fossiler CO₂-Emissionen um 43,5 % bis 2030, 2025. austropapier.at

