Einer meiner Kunden hat seiner Webagentur auch gleich die Visitenkarten in Auftrag gegeben. Naheliegend, dachte er sich. Die Farben sind ja definiert, warum extra jemanden für Print beauftragen?
Das Ergebnis: Das Grün am Bildschirm und das Grün auf der gedruckten Karte hatten kaum noch etwas miteinander zu tun. Kräftig am Bildschirm, blass auf Papier. Kåtåstroph. Eine klassische Farbabweichung im Druck, und sie wäre vermeidbar gewesen.

Warum es zur Farbabweichung im Druck kommt
Bildschirme arbeiten mit Licht, im RGB-Farbraum. Druck arbeitet mit Pigmenten, im CMYK-Farbraum. Beide Systeme decken nicht denselben Farbbereich ab. Die Umrechnung dazwischen ist Fachwissen, keine Formalität. Wer eine Datei einfach „auf CMYK stellt“, ohne zu wissen, welches Profil dabei verwendet wird, überlässt das Ergebnis dem Zufall. Wie wichtig eine korrekte Reinzeichnung ist, habe ich in meinem Beitrag Reinzeichnung ist nicht von gestern beschrieben.
Farbprofile und Papier
ICC-Profile beschreiben, wie ein Gerät oder Papier Farbe darstellt. Ohne passendes Profil wird aus der Umrechnung eine Wette. Dazu kommt: Gestrichenes Papier gibt Farbe kräftiger wieder, ungestrichenes Papier schluckt sie und macht Töne wärmer und stumpfer. Wer das nicht einplant, erlebt es erst auf der fertigen Karte.
Genau dieses Gespür für Profil, Papier und Maschine lässt sich nicht aus einem Webdesign-Setup ableiten. Es ist eigenes Fachwissen, aufgebaut über Erfahrung mit echtem Druck.
Zwei Berufe, eine Marke
Eine gute Webagentur beherrscht Ladezeiten, Responsive Design und SEO. Eine gute Print-Partnerin beherrscht Farbräume, Profile, Papier und Rasterung. Beides ist Handwerk, aber nicht dasselbe, nur weil beides auf denselben Markenfarben aufbaut.
Eine Markenagentur muss trotzdem beide Welten verstehen, weil dieselbe Farbe auf beide Weisen scheitern kann. Ein CI-Grün ohne ausreichenden Kontrast wird im Web zum Barrierefreiheitsproblem (WCAG-Kontrastwerte). Dieselbe Farbe wirkt im Druck zu blass, wenn sie auf einem Papier landet, für das sie nie abgestimmt wurde. Beide Probleme haben denselben Ursprung: Eine Farbe wird definiert, ohne zu wissen, in welchen Systemen sie überall bestehen muss.
Fazit
Eine Visitenkarte ist oft der erste haptische Kontakt mit einer Marke. Wenn das Grün dort nicht das Grün der Marke ist, wirkt das unfertig, auch wenn es niemand bewusst benennt.
Print ist kein Anhängsel des Webauftritts, sondern ein eigener Schritt mit eigenem Wissen. Wer ihn ernst nimmt, bekommt eine Marke, die am Bildschirm und in der Hand gleich gut aussieht.
